Ada Brodnitz und Helene Koch lebten in Jugenheim, hatten dort eine Sprachschule, mussten aber nach 1933 emigrieren. An Brodnitz erinnert heute in der Gemeinde noch ein Stolperstein. Ein Blick zurück.

Seeheim-Jugenheim. In Jugenheim lebten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zwei außergewöhnliche Frauen – die jüdischstämmige Ada Brodnitz und ihre Partnerin Helene Koch, jüngere Schwester der bekannten Jugendschriftstellerin Henny Koch. In Kochs Haus in der Zwingenberger Straße 20 betrieben die beiden eine Sprachschule für englischsprachige Studenten, die hier Deutsch lernten. Die Schule wurde von den Nazis 1933 geschlossen, und sowohl Brodnitz als auch Koch emigrierten nach England.
An Ada Brodnitz erinnert heute in der Gemeinde noch der Stolperstein, der am 16. November 2014 vor dem Haus, das Brodnitz und Koch ihre „Klause“ nannten, verlegt wurde. Mit dem Leben der beiden Frauen haben sich vor allem Ingeborg Sichau und Sabine Milewski von der Stolperstein-Gruppe befasst.
Eine Schülerin von Brodnitz und Koch war die bekannte englische Wirtschaftswissenschaftlerin, Journalistin, Autorin und Politikerin Barbara Ward, die ein Jahr als Schülerin hier war. In einem Brief vom 27. August 1931 beschreibt sie Brodnitz und Koch. „Die beiden Klause-Damen sind die besten der Welt – Mutter Ada ist immer noch hübsch mit
vielen weißen Haaren und einem sehr süßen Lächeln und einer sehr gepflegten Figur.“
Beide Frauen hatten eine gute Beziehung zu England und waren schon vor ihrer gemeinsamen Zeit in der Klause jeweils einige Zeit in England gewesen. Helene Koch, 1866 geboren, war die ältere der beiden, ausgebildete Lehrerin und ab 1901 in einem „Ladys College“ auf Jersey tätig als „Assistant Mistress“. Später lebte sie in Birmingham und zog
1914 bei Kriegsausbruch nach Jugenheim in die „Klause“ zu ihrer Schwester.
Ada Brodnitz, 1874 in Posen geboren, verheiratete sich 1898 mit Max Grünsfeld, gebar 1899 den Sohn Alfred und flüchtete mit ihm aus der Ehe zunächst in die Schweiz, dann nach England, von wo sie ebenfalls 1914 nach Deutschland zurückkehrte und nach einem Aufenthalt in Frankfurt nach Jugenheim zunächst 1919 zu ihrem Bruder Siegfried Brodnitz in dessen Villa zog, später in die „Klause“ zu Helene Koch, die das Haus von ihrer Schwester Henny nach deren Tod 1925 erbte.
Hier richteten die Frauen, die wohl eine lesbische Beziehung und Partnerschaft miteinander eingegangen waren, um 1930 ihre Sprachschule ein, die vor allem von Schülerinnen aus Oxford besucht wurde, die hier die deutsche Sprache erlernten.
Ada, die nach ihrer Heirat den Namen ihres Ehemanns angenommen hatte, benutzte damals wieder ihren Mädchennamen Brodnitz. In ihrer Klause sollen sich, so Ingeborg Sichau, die Frauen sehr wohl und ungestört gefühlt haben, und für Ada Brodnitz sei dies nach eigenem Bekunden die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen. Sie war zwar
von ihrer Religionszugehörigkeit evangelisch, war aber eine gebürtige Jüdin. Daher wurde die „Klause“ als Sprachenschule von den Nazis nach der Machtergreifung geschlossen.
Adas Sohn Alfred sorgte danach dafür, dass seine Mutter 1937 aus Deutschland zurück nach England kam, wo sie den Namen Ada Gloster annahm. Helene Koch verkaufte um 1938/39 die „Klause“ und folgte Ada nach Oxford, wo die beiden zusammen lebten, bis Helene 1943 starb und Ada zu ihrem Sohn und dessen Familie zog. 1944 wird dort Adas
Enkeltochter Elizabeth Gloster geboren, die später eine sehr angesehene englische Richterin wurde. Ada selbst starbin England 1957.
Wie Sichau und Milewski nun berichten, soll das Leben dieser beiden außergewöhnlichen Frauen noch weiter dokumentiert werden.
Von Claudia Stehle
Darmstädter Echo, 3. August 2026
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